„Innovation ist ohne Vielfalt nicht möglich“ – warum der TÜV Austria seine 4.000 Mitarbeitenden zur Ideenfabrik macht
Beim TÜV Austria wächst Vielfalt nicht durch Diversity-Programme – sondern durch Innovation. Wie kollaborative Entwicklungsprozesse kulturellen Wandel vorantreiben – und warum unterschiedliche Perspektiven für echte Neuerungen unverzichtbar sind, erklärt Christoph Schwald, Leiter Forschung, Entwicklung und Innovation, im Interview.
In Ihrem Innovationsphasen-Modell verankern Sie Vielfalt bereits gezielt in den frühen Phasen, in denen neue Ideen entstehen und weiterentwickelt werden. Welche Erfahrungen haben gezeigt, dass Innovation an Grenzen stößt, wenn in Entscheidungsrunden alle ähnlich denken?
Christoph Schwald: Gerade beim Schaffen von Neuem, ist Eigenmotivation und -Verantwortung unverzichtbar. Dazu gehört auch die Fähigkeit, eigene Ideen proaktiv mit anderen Personen zu reflektieren und gemeinsam weiterzuentwickeln, quasi nach dem Prinzip „1+1=3“. Irgendwann ist aber auch dabei die Grenze erreicht, es braucht eine Öffnung nach außen um neue Impulse aufzunehmen. Unsere Innovationsreise steht daher unter dem Motto „Open Innovation Journey“. Dabei verbinden sich unsere Innovationsteams zu bestimmten Schwerpunkten nicht nur untereinander, sondern mit einem externen Netzwerk aus Universitäten, Pilotkunden und sonstigen relevanten Stakeholdern.
Das klingt nach weiteren Herausforderungen…
Damit so ein Konstrukt entsprechende Ergebnisse erzielen kann, braucht es davor einiges an Arbeit an einer Organisationskultur, die fähig ist, diese Komplexitätserhöhung zu integrieren, zu verarbeiten und produktiv zu nutzen. Unser Kern-Innovationsbereich in Wien besteht derzeit aus circa 30 Personen aus neun unterschiedlichen Nationen, davon sind 30 Prozent weiblich. Für ein Unternehmen mit starkem Technologie-Fokus durchaus bemerkenswert. Im Open Innovation Ansatz agieren wir dabei in einem Netzwerk mit derzeit neun Tochtergesellschaften, 45 Entwicklungsingenieuren, fünf Forschungsinstitutionen mit über 30 Forscher:innen und drei Innovationsexpert:innen.
Wo wurde dieser Kulturwandel dann konkret greifbar? Welche innovationsbezogenen Maßnahmen haben beim TÜV Austria auch zu sichtbaren Veränderungen geführt?
An unserem Group Headquarter in Brunn am Gebirge haben wir mit dem „Next Horizon Lab“ ein Innovations-Lab und-Inkubator geschaffen, in dem Innovation materialisiert wird. Es fungiert als Lernraum für neue agile Arbeitsweisen, als breakout-Space für Workshop, als „Nest“ für die Innovationsteams und auch als Irritation um konservativ ausgerichtete Bereiche und Teams für Neues zu begeistern.

© C. Schwald
Rückblickend betrachtet: Wann wurde für Sie erkennbar, dass sich eben erst durch die Innovationsarbeit auch die Vielfalt im Unternehmen verändert?
Innovation ist ohne Vielfalt grundsätzlich nicht möglich, oder nur sehr eingeschränkt und kurzfristig.Kreative Ansätze und Lösungen brauchen unterschiedliche Zugänge und Blickwinkel. Wir haben sehr früh erkannt, dass dieser Ansatz noch besser skaliert, wenn wir die ganze Unternehmensgruppe – derzeit circa 4.000 Mitarbeiter:innen in circa 40 Ländern – in den Innovationsprozess miteinbeziehen: Unsere Innovationsplattform „innovatüv“ vernetzt alle Mitarbeiter:innen zur einer „creative crowd“ die Ideen zu Suchfeldern generiert, diskutiert und gemeinsam über Organisationseinheiten und Ländergrenzen hinweg zu Konzepten weiterentwickelt. Dieser Zugang hat über die Zeit auch bewirkt, dass regional verankerte Teams Hemmungen abgelegt und sich diverser aufgestellt haben – im Hinblick auf Herkunft, Geschlechter- und Altersmix.
Zusammenarbeit und Vielfalt wirkt?
Diverse Events und Formate wie der „Innovationsbeirat“, die „Open Innovation Days“, die „Technology Days“ bringen unterschiedliche Personen von Innen und Außen zusammen um neue Zugänge zu explorieren und die kulturelle Entwicklung weiterzutreiben. Unter anderem in der aktiven und schnell wachsenden Partizipation in unserer Innovationsplattform erkennen wir, dass diese Maßnahmen positive und vielfältige Veränderungen bewirken.
Damit all das möglich wurde: Welche Barrieren mussten Sie abbauen, damit mehr, und möglicherweise bisher unterrepräsentierte, Perspektiven innovationswirksam werden konnten?
Vor einem guten Jahrzehnt war die Organisation in ihrem Denken und Agieren sehr starr. Veränderung und Neues wurde eher als Gefahr und vor allem als Störung der Routine wahrgenommen. Organisationseinheiten waren darauf bedacht unter sich zu bleiben und Ideen nicht zu teilen. Vielfalt ein Fremdwort. Heute gehören wir zu den Top Arbeitgebern in Österreich und verfolgen einen überdurchschnittlich dynamischen Wachstumspfad. Das war nur durch einen intensiven Kulturwandel möglich, bei dem vor allem die Innovationsarbeit mit einem starken Backing der Konzernführung einen wesentlichen Anteil dazu beigetragen hat.
Entlang Ihrer Innovation Journey: In welchen Phasen ist Vielfalt aus Innovationssicht besonders erfolgskritisch?
Vielfalt ist insbesondere dann erfolgskritisch, wenn es darum geht neue Problemräume zu bearbeiten und blinde Flecken zu vermeiden. Es braucht Ideen die sich der Herausforderung aus ganz unterschiedlichen Perspektiven nähern. Im Innovationsprozess muss man generell zwischen der Ideenphase, der „Ideation“ und der Umsetzung unterscheiden. Time to market ist bei Innovationsprojekten kritisch. Die Organisation muss auch Exzellenz in Umsetzungsprozessen ausprägen und sich dahingehend organisieren. Dabei sollte mitbedacht werden, dass auch im Entwicklungsprozess selbst ein nutzerzentrierter Ansatz äußerst sinnvoll ist. Die Zeiten sind vorbei, in denen ein Produkt auf Basis einer Idee starr ausspezifiziert und ohne Einbeziehung von Schlüsselkunden durchentwickelt wurde. Zu hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Entwicklung am Markbedarf vorbeigeführt wird.
Gab es mess- oder beobachtbare Veränderungen, bei denen klar wurde: Innovation hat Kultur verändert? Und wenn ja – was davon wäre ohne den Innovationsfokus vermutlich nicht entstanden?
Innovationswille ist eine Fähigkeit, die Unternehmenskultur stark positiv beeinflusst. Wir haben das verstärkt, in dem Innovation als eine von fünf Führungsprinzipien – neben Trust, Entrepreneurship, Leadership by Example und People Development – definiert wurde und in unseren Führungstrainings entsprechend vermittelt wird. Speziell über unsere Innovationsplattform „innovatüv“ haben sich neue interne Netzwerke gebildet und wurden sichtbar gemacht, eine schöne Basis um damit weiterzuarbeiten. Auf innovatüv „duzt“ man sich, was wiederum bewirkt hat, dass sich in den letzten Jahren eine deutlich stärkere „Du“ -Kultur auch über Hierarchien hinweg etabliert hat. Gemeinsam innovieren erzeugt mehr Nähe, Mut Dinge zu teilen und auszusprechen. Das Ziel muss sein: Innovation als Haltung.
Wie machen Sie nach außen hin sichtbar, dass erfolgreiche Innovation beim TÜV Austria nicht nur neue Lösungen, sondern auch neue Formen von Zusammenarbeit, Teilhabe und Vielfalt hervorgebracht hat?
Innovation erzeugt aus betriebswirtschaftlicher Sicht zunächst einmal neue Umsätze. Neue Produkte in neuen Geschäftsfeldern. Wachstum führt zu Größe, Größe zu mehr Unabhängigkeit. Die mit Innovation verbundene Vielfalt, wirkt sich extrem positiv auf eine offene, zukunftsorientierte Kultur aus; Mitgestaltung wird möglich, übergeordnete Ziele und Purpose verbinden, Motivation wird erhöht.
Drei Maßnahmen für ein systematisches Innovations- und Ideenmanagement aus dem TÜV Austria
- Eine übergreifende Ideenplattform: Vielfalt und Teilhabe führt zu neuen Ideen und revolutionären Ansätzen
- Open Innovation als Erfolgsfaktor: Öffnung nach außen schafft neue Horizonte und Perspektiven
- Innovation als Haltung etablieren: innovieren wird nicht nur an eigens geschaffene Innovationsabteilungen delegiert sondern von jeder Mitarbeiter:in in Eigenverantwortung gelebt