Lohnlücke im Fokus: Warum Frauen in Österreichs Privatwirtschaft weniger verdienen (WIFO)
Trotz höherer Bildungsabschlüsse verdienen Frauen in Österreich weniger als ihre männlichen Kollegen. Dieser Nachteil entsteht nicht erst durch ihren Karriereverlauf oder Teilzeitstellen, sondern ist bereits beim Berufseinstieg messbar. Die Analyse „Mind the Gaps. Zur Gleichstellung von Frauen und Männern in Österreich“ des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) zeigt, wo Unternehmen ansetzen müssen.
Das WIFO analysiert die Einkommensungleichheit zwischen Frauen und Männern in der österreichischen Privatwirtschaft. Die Analyse zeigt, dass der Gender Pay Gap nicht erst im Laufe der Karriere entsteht, sondern bereits beim Berufseinstieg.
Kernaussagen
- Frauen in der Privatwirtschaft verdienen 2022 durchschnittlich 18,4 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Dieser Wert liegt über dem Durchschnitt der meisten EU-Länder
- Bei ganzjähriger Vollzeitbeschäftigung verdienen Frauen deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Weibliche Angestellteerhalten im Durchschnitt rund 26 Prozent weniger Bruttoverdienst, bei Arbeiterinnen beträgt der Unterschied sogar etwa 28 Prozent.
- Der Einkommensrückstand beginnt bereits direkt nach dem Abschluss: Frauen mit Hochschulabschluss (inkl. MINT – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) verdienen 1,5 Jahre nach Berufseinstieg bereits 11 Prozent weniger als Männer.
- Horizontale Segregation als zentraler Treiber:
- MINT- und Technikberufe sind höher dotiert, Frauen dort aber seltener vertreten.
- Selbst wenn sie einsteigen, werden sie durch fehlende Anerkennung und nicht-inklusive Unternehmenskultur häufig wieder verdrängt („Drehtüreffekt“).
Empfehlungen für Unternehmen
- Einstiegsgehälter aktiv prüfen und Gehaltsbänder transparent kommunizieren – da die Gehaltslücke bereits beim Jobstart entsteht, sollten Angebote stärker nach Qualifikation und Tätigkeit orientiert sein und weniger am eigenen Verhandlungsgeschick.
- Regelmäßige interne Lohnanalyse einführen: Jährliche Auswertungen nach Geschlecht, Abteilung und Qualifikationsstufe können aufzeigen, wo es Gehaltsunterschiede gibt, und ermöglichen diese zu korrigieren.
- Den „Drehtüreffekt“ aktiv bekämpfen: Mentoring-Programme, Sponsoring durch Führungskräfte und gezielte Karrierepfade halten Frauen in MINT- und Technikbereichen. So gehen sie nicht nach kurzer Zeit verloren.
- Sorgearbeit als Unternehmensthema begreifen: Vollzeitnahe Teilzeit, väterfreundliche Karenzmodelle und flexible Arbeitszeiten reduzieren die strukturelle Benachteiligung durch Betreuungspflichten und schließen mittelfristig die Einkommensschere.
- Unconscious Bias im Recruiting und bei Beförderungen adressieren: Strukturierte Interviews, anonymisierte Bewerbungsverfahren und klare Kriterien für Beförderungsentscheidungen reduzieren unbewusste Benachteiligungen und so die Lohnlücke verringern.
Die Studie basiert auf Daten der österreichischen Sozialversicherung und dem Mikrozensus 2022 – einer jährlichen Stichprobenerhebung der Statistik Austria, bei der pro Quartal rund 22.500 Haushalten befragt werden. Der Mikrozensus liefert aktuelle und repräsentative Informationen zu Arbeitsmarkt, Wohnverhältnissen und Bildung. Im Fokus stehen Stundenlohnvergleiche, Jahresverdienste sowie Bildungs- und Berufswahl über alle Wirtschaftsbranchen und Qualifikationsstufen hinweg.
Zur vollständigen Analyse – WIFO Research Brief 8/2024

Über diese Publikation
Quelle: WIFO – Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung | Research Briefs 8/2024
Titel: Mind the Gaps. Zur Gleichstellung von Frauen und Männern in Österreich.
Format: Sekundäranalyse / Daten der österreichischen Sozialversicherung & Mikrozensus 2022
Erscheinungsjahr: 2024
Erhebungsgebiet: Österreich