Anders denken, bessere Lösungen: Neurodiversität als Innovationsfaktor

Bei Tieto Austria gelten Autismus, ADHS oder Dyslexie nicht als Einschränkung – sondern als Innovationsvorteil. Diversität wird hier systematisch zur Innovationskraft: Das Unternehmen nutzt gezielt besondere Stärken wie Mustererkennung, Detailgenauigkeit und unkonventionelles Denken.

© Tieto

Technologie ist längst mehr als Infrastruktur. Sie ist Taktgeberin wirtschaftlicher Entwicklung, Schnittstelle gesellschaftlicher Prozesse und zunehmend auch Spiegel unserer Werte. Für Tieto Austria (vormals Tietoevry), einen IT-Consulting-Anbieter mit nordischen Wurzeln und rund 300 Mitarbeiter:innen in Wien, Linz und Graz, beginnt Innovation daher nicht erst im Code – sondern in der Kultur.

„Es geht nicht mehr nur darum, was Technologie leisten kann, sondern was sie leisten sollte“, heißt es im Selbstverständnis des Unternehmens. Dieser Perspektivenwechsel prägt auch den Umgang mit Diversität. Im Zentrum steht seit mehr als einem Jahr die Initiative „Vielfalt in jedem Ton“. Ihr Fokus: Neurodiversität. Gemeint sind neurologische Unterschiede wie Autismus, ADHS oder Dyslexie – also Wahrnehmungs- und Denkweisen, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen. Was lange defizitorientiert betrachtet wurde, definiert das Unternehmen bewusst als Ressource.

Gerade in der IT, wo komplexe Systeme entwickelt, Schnittstellen gestaltet und große Datenmengen analysiert werden, können unterschiedliche kognitive Zugänge entscheidend sein. Menschen, die Muster anders erkennen, Details präziser wahrnehmen oder unkonventionelle Lösungswege bevorzugen, erweitern das Innovationsspektrum eines Teams. Vielfalt wird so zur methodischen Stärke.

Damit diese Potenziale wirksam werden, erarbeitete eine interne Fokusgruppe konkrete Maßnahmen für ein inklusiveres Arbeitsumfeld: flexible Arbeitsmodelle, individuell anpassbare Arbeitsplätze, Rückzugsräume für konzentriertes Arbeiten, technische Unterstützung wie Noise-Cancelling-Kopfhörer oder ergonomische Ausstattung. Was zunächst für neurodivergente Mitarbeitende gedacht war, erweist sich als Produktivitätsgewinn für alle.

Der eigentliche Hebel liegt jedoch in der Führung. 2024 und 2025 investierte das Unternehmen gezielt in Schulungsprogramme für Führungskräfte und Projektmanager:innen. In Workshops und vertiefenden Modulen ging es darum, neurodiverse Bedürfnisse zu verstehen, Teams differenziert zu führen und psychologische Sicherheit herzustellen. Rund 30 Führungskräfte und Mitglieder des Betriebsrats nahmen an einem spezialisierten Training teil. Der Anspruch ist klar: kulturelle Evolution statt isolierter Maßnahme.

Robert Kaup, Managing Director Tieto Austria und Cornelia Samec, Head of Operations und DEI Lead Austria | © Hannes Winkler, www.goodlifecrew.com

Dass die Strategie im Unternehmen konsequent von oben getragen wird, ist kein Zufall. Managing Director Robert Kaup positioniert Diversität klar als wirtschaftlichen Erfolgsfaktor: Vielfalt sei eine zentrale Ressource für Innovation, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Für ihn ist Diversität mehr als ein Wertebekenntnis, sie ist vielmehr strategischer Hebel und persönliches Anliegen zugleich. Entsprechend reicht sein Engagement von klar definierten Zielsetzungen bis zur aktiven Unterstützung von Gleichstellungs- und DEI-Initiativen.

Parallel dazu setzt Tieto mit dem Programm „Women in Leadership“ auf eine weitere Dimension struktureller Vielfalt. Ziel der Initiative ist es, weibliche Führungstalente sichtbar zu machen und gezielt zu fördern. Mentoring, internationale Speaker-Sessions und projektbezogene Verantwortung schaffen Entwicklungspfade, die über klassische Trainingsformate hinausgehen. Bis 2030 sollen mindestens 30 Prozent der Führungspositionen mit unterrepräsentierten Geschlechtern besetzt sein. Auch das Pay Equity Ratio wird systematisch gemessen und reduziert.

Cornelia Samec, Head of Operations und DEI Lead Austria, erklärt: „Mit Programmen wie ‚Women in Leadership‘ schaffen wir gezielt Räume, in denen Frauen in gestaltende Rollen hineinwachsen können und nicht nur sichtbar werden, sondern mitentscheiden und mitgestalten.“ Gerade in der Tech-Branche sei es entscheidend, weibliche Stimmen frühzeitig in Innovations- und Transformationsprozesse einzubinden. „Wenn Frauen Verantwortung übernehmen und Innovation vorantreiben, entstehen ausgewogene, nachhaltige Lösungen, von denen das gesamte Unternehmen profitiert.“

Dieses Führungsverständnis spiegelt sich auch im Innovationsansatz des Unternehmens wider. Robert Kaup sagt dazu: „Innovation ist für uns kein isoliertes Laborprojekt, sondern das Zusammenspiel aus Technologie, Governance und Kultur. Damit Ideen nicht an Hierarchien scheitern, fördern wir abteilungsübergreifenden Austausch, Peer-Gruppen und interne Netzwerke. Diversität ist dabei kein Zusatz, sondern Teil unserer Unternehmenssteuerung.“

Der Effekt zeigt sich nicht nur intern. Kund:innen aus Industrie, Finanzwirtschaft oder öffentlichem Sektor profitieren von Teams, die unterschiedliche Lebensrealitäten abbilden. Digitale Lösungen werden dadurch inklusiver gedacht – und näher an gesellschaftlichen Anforderungen entwickelt.

In einer Branche, die vom rasanten technologischen Wandel geprägt ist, setzt Tieto Austria damit auf eine stille, aber wirkungsvolle Strategie: Innovation entsteht dort, wo unterschiedliche Perspektiven systematisch zusammengeführt werden. Oder anders gesagt: Wer die digitale Zukunft gestalten will, muss bereit sein, Vielfalt nicht nur zu tolerieren, sondern strategisch zu nutzen.

Drei Empfehlungen für systematisches Innovations- und Ideenmanagement aus der Geschäftsleitung von Tieto Austria

  1. Innovation braucht strukturelle Verankerung: klare Verantwortlichkeiten, Budget und Management-Commitment statt punktueller Initiativen.
  2. Führung entscheidet über Innovationsfähigkeit: Schulungen in inklusiver Teamführung schaffen psychologische Sicherheit und ermöglichen Beteiligung.
  3. Vielfalt messbar machen: Zielgrößen für Repräsentanz, Beteiligung und Chancengleichheit sollten Teil der strategischen Steuerung sein – nicht bloß Teil des Leitbilds.